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B.O.N. Best of Nature

Yin Yang - Theorie

 

ÖSTLICHE UND WESTLICHE MEDIZIN:
ZWEI ARTEN ZU SEHEN, ZWEI ARTEN ZU DENKEN


In China erzählt man sich die Geschichte eines Bauern, der als Hausmeister in einem neu errichteten westlichen Missionshospital gearbeitet hat. Als er sich zum Lebensabend in sein abgelegenes Heimatdorf zurückzog, nahm er einige Spritzen und eine Menge Antibiotika mit. Er hängt ein Reklameschild vor seine Tür, und wann immer jemand mit Fieber zu ihm kam, injizierte er dem Patienten die Wunderdroge. Ein bemerkenswerter Prozentsatz seiner <Patienten> wurde gesund, obwohl dieser Bauer nicht wusste, was er tat.

Was heute im Westen als <Chinesische Medizin> verkauft wird, ist oft nicht anders als die westliche Medizin, die jener chinesische Bauer praktizierte. Herausgelöst aus einem komplexen System, haben nur die rudimentären Grundbegriffe der Akupunktur den Westen erreicht. Die Patienten erfahren häufig eine Besserung durch die Behandlung, da Akupunktur eben <starke Medizin> ist - genau so wie westliche Antibiotika. Der theoretische Hintergrund und das volle klinische Potential der chinesischen Medizin bleiben jedoch praktisch unbekannt.
Folglich bestehen im Westen viele seltsame Vorstellungen über die chinesische Medizin. Oft wird sie schlichtweg als Hokuspokus bezeichnet, das Produkt primitiven oder magischen Denkens. Wird ein Patient durch Kräuter- oder Akupunkturbehandlungen geheilt, so gibt es aus dieser sicht nur zwei mögliche Erklärungen: Entweder war die Krankheit psychosomatischen Ursprungs oder die Vorstellung geht die Annahme einher, dass die derzeitige westliche Wissenschaft und Medizin die Wahrheit für sich gepachtet hat - alles andere wird als Aberglaube abgetan.

Tatsächlich ist die chinesische Medizin ein zusammenhängendes und unabhängiges System des Denkens und der Praxis, das über zwei Jahrtausende hinweg entwickelt wurde. Auf alten Texten gründend, ist sie das Ergebnis eines kontinuierlichen Prozesses kritischen Denkens sowie ausgiebiger klinischer Beobachtung und Untersuchungen. Sie repräsentierten eine gewissenhafte Formulierung und Aktualisierung des von respektierenden Klinikern und Theoretikern gesammelten Materials. Sie ist jedoch auch in der Philosophie und Logik, im Empfindungsvermögen und den Sitten einer Zivilisation verankert, die der unseren gänzlich fremd ist; daher hat sie ihre eigene Auffassung von Körper, Gesundheit und Krankheit entwickelt.

Die chinesische Medizin ist eine holistische (ganzheitliche) Methode - begründet auf die Idee, dass jedes einzelne Element nur in seiner Relation zum Ganzen verstanden werden kann. Ein Symptom wird daher nicht auf seine Ursache zurückverfolgt, sondern als Teil einer Gesamtheit betrachtet. Die chinesische Medizin will wissen, wie sich dieses Symptom in das gesamte körperliche Muster des Patienten einfügt. Die gesunde oder <harmonische> Person weist keine Symptome von Unwohlsein auf und drückt geistiges, physisches und spirituelles Gleichgewicht aus. Ist die Person unwohl, so weisen die Krankheitszeichen lediglich auf ein körperliches Ungleichgewicht hin, das auch in anderen Aspekten des Lebend und Verhaltens zum Ausdruck kommt. Das Verständnis des übergreifenden Musters, zu dem die Symptome gehören, stellt die Herausforderung in der chinesischen Medizin dar. Diese Medizin ist nicht weniger logisch als die westliche, sondern weniger analytisch. Aus westlicher Sicht erfasst der chinesische Arzt die spezifische und allgemeinen physiologischen und psychischen Reaktionen des Patienten auf eine spezifische <Krankheit>.


DIE THEORIE VON YIN UND YANG

Die Logik, die der chinesischen Theorie zugrunde liegt (ein Teil kann nur in seiner Relation zum Ganzen verstanden werden), wird synthetisch oder dialektisch genannt. Das naturalistische und taoistische Gedankengut des alten China bezeichnet diese dialektische Logik, die Beziehungen, Muster und Veränderungen erklärt, als Yin Yang - Theorie.
Die Yin Yang Theorie beruht auf dem philosophischen Konzept von zwei polaren Gegensätzen: Yin und Yang genannt. Diese Rationalität transzendiert. Vielmehr müssen sie als nützliche Bezeichnungen betrachtet werden, die der Beschreibung der Beziehungen der Dinge zueinander und zum Universum dienen. Sie werden benutzt, um den immerwährenden Prozess natürlicher Veränderungen zu erklären. Die Begriffe Yin und Yang drücken aber nicht nur universale Zusammenhänge aus. Sie repräsentieren ebenso eine Weise des Denkens. Innerhalb des Gedankensystems werden alle Dinge als Teile des Ganzen gesehen. Das einzelne Phänomen kann niemals von seiner Beziehung zu anderen Phänomenen getrennt werden. Kein Ding kann an und für sich selbst existieren. Es gibt nichts Absolutes.

Yin und Yang beinhalten notwendigerweise in sich selbst die Möglichkeit des Gegensatzes und der Veränderung. Das Schriftzeichen Yin bedeutet ursprünglich die schattige Seite eines Hügels, womit solche Qualitäten mit Kälte, Ruhe, Empfänglichkeit, Passivität, Dunkelheit, Abnahme, das Innere und als Richtung das nach unten einwärts gehende verbunden werden.
Die ursprüngliche Bedeutung Yang war die sonnige Seite des Hügels. Der Begriff impliziert Helligkeit und bildet den Teil eines gebräuchlichen chinesischen Wortes für die Sonne. Yang wird mit folgenden Qualitäten assoziiert: Hitze, Anregung, Bewegung, Aktivität, Erregung, Vitalität, Licht, Zunahme, das Äußere und als Richtung nach oben und auswärts gehende.

Auf der Grundlage dieser Ideen entwickelte das chinesische Denken und die chinesische Medizin Tradition im Laufe der Zeit fünf Prinzipien von Yin und Yang.

§ Alle Dinge haben zwei Aspekte: einen Yin - Aspekt und einen Yang - Aspekt
§ Jeder Yin- und jeder Yang- Aspekt kann wiederum in Yin und Yang unterteilt werden
§ Yin und Yang schaffen einander
§ Yin und Yang kontrollieren einander
§ Yin und Yang kontrollieren sich gegenseitig
§ Yin und Yang verwandeln sich ineinander


Der Weg (Tao) schuf die Einheit. Einheit schuf die Zweiheit. Zweiheit schuf die Dreiheit. Dreiheit sch die zehntausend Wesen.
Die zehntausend Wesen tragen das dunkle Yin auf dem Rücken, das lichte Yang in den Armen.
Der Atem (Qi) das Leeren macht ihren Einklang.


YIN - UND YANG - SUBSTANZEN IM KÖRPER UND IHRER BEZIEHUNG: QI, BLUT (XUE), JING, SHEN UND DIE SÄFTE

Ursprung des Qi: Das gesamte Qi des Körpers wird grundsätzlich als <Normales> oder <Rechtes Qi> (zheng-qi) oder >Wahres Qi) (zhen-qi) bezeichnet. Normales Qi ist Qi vor seiner Differenzierung in spezielle Formen oder bevor es mit bestimmten Funktionen in Verbindung gebracht wird.
Die Chinesen wissen um drei Quellen des normalen Qi. Die erste ist das <Ursprungs-Qi> (yuan.qi) - auch <Vorgeburtliches Qi> genannt-, das bei der Empfängnis von den Eltern auf das Kind übertragen wird. Dieses Qi ist zum Teil für die ererbte Konstitution eines Individuums verantwortlich. Es wird in den Nieren gespeichert. Die zweite Quelle ist das <Nahrungs Qi> (gu-qi), das der verdauten Nahrung entzogen wird. Die dritte Quelle ist das >Natürliche Luft- Qi> (kong-qi), das die Lunge aus der eingeatmeten Luft gewinnt.
Diese drei Formen von Qi vermischen sich und produzieren das Normale Qi, das den ganzen Körper erfüllt. Es gibt <keinen Ort, an dem es nicht existiert, und keinen Ort, zu dem es nicht vordringt>.

Qi ist die Quelle aller Bewegungen im Körper und begleitet jede Bewegung
Diese Funktion beinhaltet Bewegung im weitesten Sinn: physische Aktivitäten (Gehen, Tanzen), automatische Bewegungen (Atmen, Herzschlag), willentliche Aktionen (Essen, Sprechen), geistige Tätigkeiten (Denken, Motivation, Sich-Freuen, Träumen) sowie Entwicklung, Wachstum und Lebensprozesse im allgemeinen Sinn (Geburt, Altern) - das sind alles <Bewegungen> die vom Qi abhängen.
Qi schützt den Körper
Das Qi verwehrt pathologischen Umwelteinflüssen, den <Äußeren Bösartigen Einflüssen>, Einlass in den Körper und bekämpft sie, falls sie doch einzudringen vermögen. Das Nei Jing sagt: <Wenn sich Bösartige Einflüsse festsetzen, muss es an Qi mangeln.>
Qi ist die Quelle harmonische Transformation im Körper. Aufgenommene Nahrung wird in andere Substanzen umgewandelt, zum Beispiel in Blut, Qi, Tränen, Schweiß und Urin. Diese Verwandlungen hängen von der umwandelnden Funktion des Qi ab.
Qi regelt die Bewahrung von Körpersubstanzen und Organen
Mit anderen Worten, Qi <hält alles in Ordnung>: Es hält die Organe auf ihrem rechten Platz, das Blut in den Blutbahnen; es verhindert übermäßigen Verlust der verschiedenen Körperflüssigkeiten (Schweiß, Speichel usw.).
Qi wärmt den Körper. Die Erhaltung der normalen Temperatur im gesamten Körper oder einem Körperteil (z.B.: Extremitäten) hängt von der wärmenden Funktion des Qi ab.

ARTEN DES QI


Alle speziellen Arten des Qi (deren es viele gibt) haben wiederum alle fünf genannten Funktionen. Fünf spezielle Arten des Qi, die mit bestimmten Aktivitäten oder Körperteilen in Verbindung gebracht werden, sind besonders wichtig. In den chinesischen medizinischen Texten haben wir es fast immer mit diesen fünf Hauptarten des Qi zu tun.
Organ - Qi (zang-fu-zhi-qi) Die Hauptfunktionen eines jeden Organs werden durch sein Qi definiert. Man nimmt an, dass jedes Organ sein eigenes Qi hat; die Aktivität des Qi ist durch das ihm zugeordnete Organ geprägt. Wenn die Chinesen von Herz - Qi oder Lungen - Qi sprechen, ist zwar die Qi - Substanz die gleiche, aber ihre Aktivität ist jeweils eine andere, je nachdem, ob diese sich aufs Herz oder auf die Lunge bezieht - und Herz und Lunge funktionieren auf verschiedene Weise in Abhängigkeit von der Natur ihres Qi.
Leitbahnen - Qi (jing-luo-zhi-qi) Die Leitbahnen sind ein einzigartiger und zentraler Aspekt der chinesischen Medizin. Sie sind die Kanäle oder Wege, auf denen das Qi zwischen den verschiedenen Organen und Körperteilen fließt, deren Aktivität reguliert und harmonisiert. Normales Qi, welches in diesem verzweigten Netzwerk fließt, wird Leitbahnen - Qi genannt.
Nahrungs- Qi (ying.qi) Diese Art des Qi ist am stärksten mit dem Blut verbunden. Es manifestiert sich im Blut und bewegt sich mit dem Blut in seinen Bahnen. Mit seiner Hilfe werden die reinsten aus der Nahrung gewonnenen Nährstoffe in Blut umgewandelt. Nahrungs- Qi spielt eine wesentliche Rolle in der Ernährung.
Abwehr- Qi (wie-qi) Abwehr- Qi bekämpft und wehr <Äußere Bösartige Einflüsse> ab, wenn diese den Körper angreifen. Es wird als die Manifestation des Qi im Körper mit dem stärksten Yang- Charakter betrachtet. Es ist <wild und kühn>. Es fließt im Brustkorb und der Bauchhöhle, zwischen der Haut und den Muskeln; es reguliert Schweißdrüsen - und Porenfunktionen, befeuchtet und schützt Haut und Haare.
Atmungs- Qi oder Ahnen- Qi (zong.qi) Dieses Qi sammelt sich im Brustkorb und bildet ein <Meer von Qi>. Das Nei jing behauptet, dass es sich <im Brustkorb sammelt, durch die Kehle nach außen geht, mit dem Herzen und den Gefäßen Kontakt aufnimmt und die Atmung in Gang hält>. Seine Hauptfunktion ist die Steuerung der rhythmischen Bewegung von Atmung und Herzschlag, und deshalb ist vor allem mit der Lunge und dem Herzen verbunden. Die relative Kraft und Gleichmäßigkeit der Atmung, der Stimme, des Herzschlages und der Bewegung des Blutes sind vom Atmungs- Qi abhängig.

QI- DISHARMONIE


Funktionsstörungen des Qi werden allgemein als Qi- Disharmonien bezeichnet. Es gibt zwei grundsätzliche Disharmoniemuster, die mit dem Qi zu tun haben.
Qi- Mangel (qi-xu) Mit Qi- Mangel werden generell die Disharmoniemuster bezeichnet, in denen Qi in nicht ausreichendem Maße vorhanden ist um der einen oder anderen seiner fünf Funktionen gerecht werden zu können. Zieht der Qi- Mangel den ganzen Körper in Mitleidenschaft, könne solche Symptome wie Lethargie oder Bewegungslust auftreten. Qi- Mangel kann sich aber auch auf ein spezielles Organ beziehen, das nicht mehr richtig funktioniert. Beim Muster <Mangelndes Nieren- Qi> zum Beispiel wären die Nieren möglicherweise nicht mehr in der Lage, den Wasserhaushalt im Körper richtig zu steuern, und Symptome wie Inkontinez (unwillkürlicher Harnfluss) oder Ödeme können auftreten. Qi- Mangel kann außerdem auf eine der verschiedenen Qi- Arten bezogen sein; so führt zu Beispiel ein Mangel an Abwehr- Qi zu wiederholten Erkältungen und spontanen Schweißausbrüchen.
Zusammengebrochenes Qi (qi-xian) Diese ist eine Unterkategorie des Qi- Mangels. Ein externes Qi- Defizit beeinträchtigt die bewahrende Funktion des Qi: Organe und Substanzen können nicht mehr auf ihrem Platz bzw. in ihren Bahnen gehalten werden, was auf der physischen Ebene einen Gebärmuttervorfall oder Hämorrhoiden und auf einer nicht - materiellen Ebene tiefe Trauer, Motivationsarmut oder Mangel an Tatendrang erzeugen kann.
Stagnierendes Qi (qi-zhi) Hiermit kommen wir zu einer weiteren breiten Kategorie der Qi. Disharmonie. Die normale Bewegung des Qi ist beeinträchtigt, es fließt nicht mehr auf sanfte und geordnete Weis durch den Körper, Stagnierendes Qi in den Gliedern und Meridianen kann der Ursprung von Schmerzen im Körper sein; es kann auch zur Schwächung eines Organs führen. Stagnierendes Qi in der Lunge bedeutet, dass es nicht richtig <eintritt und austritt>; Husten und Atembeschwerden sind mögliche Folgen. Schwellungen im Brustkorb und Bauchraum treten bei stagnierendem Qi in der Leber auf.
Gegenläufiges Qi (qi-ni) Dies ist eine besondere Form des stagnierenden Qi; es bedeutet dass das Qi in die falsche Richtung fließt. In der chinesischen Medizin heißt es, dass das Magen- Qi nach unten fließen sollte; <rebelliert> es aber und fließt aufwärts, dann stellen sich Erbrechen und Übelkeit ein.
Alle Substanzen können als entweder stärker Yin - oder stärker Yang - geprägt definiert werden. Sie verkörpern die fünf Prinzipien von Yin und Yang und enthalten demnach Yin- und Yang- Aspekte; ein Aspekt herrscht jedoch vor. Alle Disharmoniemuster könne entweder als Yin- oder als Yang- Zustände angesehen werden.
Innerhalb der Gruppe der Substanzen stellt das Qi eine Yang- Substanz dar, Qi- Mangel ist ein Yin- Zustand, ein Zustand der Entleerung in dem der Patient die für Yin charakteristische Aktivitätsschwäche erkennen lässt. In Beziehung zum Qi- Mangel gilt das stagnierende Qi als Yang- Zustand, ein Zustand der Übersättigung, der mit dem Yang- Charakteristikum von exzessiver und unangemessener Bewegung assoziiert wird.

Ursprung des Blutes (xue): Der chinesische Terminus <Blut> entspricht genau dem westlichen. Obwohl er manchmal die rote Flüssigkeit meint, die wir als Blut bezeichnen, sind seine Merkmale und Funktionen nicht genau so definiert wie in der westlichen Medizin.
Das Blut entsteht durch die Umwandlung von Nahrung. Nachdem die Nahrung im Magen <gereift> ist, destilliert die Milz eine sehr feine und geläuterte Essenz aus der Nahrung heraus. Das Milz- Qi transportiert diese Essenz aufwärts, zur Lunge. Während der Aufwärtsbewegung beginnt das Nahrungs- Qi diese Essenz in Blut zu erwandeln. Die Transformation ist vollendet, wenn die Essenz die Lunge erreicht, wo sich die nun umgewandelte Nahrung mit dem Teil der Luft vereint, das als <klar> beschrieben wird. Diese Kombination bildet schließlich Blut, das dann vom Herz- Qi in Zusammenarbeit mit dem Atem- Qi durch den Körper getrieben wird.
Beziehung des Blutes Herz, Leber und Milz haben eine besondere Beziehung zum Blut. Das Herz hält den harmonischen, sanften und gleichmäßigen Kreislauf des Blutes in Gang: <Das Herz regiert das Blut>. Der Körper braucht im inaktiven Zustand weniger Blut; in diesem Fall kontrolliert die Leber das <ruhende Blut>: <Die Leber speichert das Blut.> Schließlich hängt das Blut noch von der bewahrenden Eigenschaft des Milz- Qi ab, das es in den Blutbahnen hält. <Die Milz leitet das Blut.> Blut und Qi - obwohl generell voneinander verschieden - stehen in wechselseitiger Abhängigkeit und unlösbarer Beziehung zueinander. Das Qi schafft und bewegt das Blut und hält es in seinen Bahnen. Das Blut seinerseits nährt die Qi- produzierenden und -regulierenden Organe. Diese Beziehung veranschaulicht das Prinzip von Yin (Blut) und Yang (Qi), das in einem traditionellen Sprichwort folgendermaßen zusammengefasst ist: <Qi ist der Befehlshaber des Blutes - das Blut ist die Mutter des Qi.>
Blut- Disharmonien Diese werden wieder in zwei Hauptkategorien unterteilt: Blutmangel (xue-xu) und Gestautes Blut (xue-yu). Blutmangel herrscht zum Beispiel, wenn der ganze Körper oder ein bestimmtes Organ oder Körperteil in nicht ausreichendem Maß vom Blut genährt wird. Erfasst dieser Zustand den ganzen Körper, finden wir solche Anzeichen wie ein blasses, glanzloses Gesicht, Benommenheit oder trockene Haut; Mangel an Selbstbewusstsein, Selbstwertgefühl oder Leistungssinn können mit diesem Zustand verknüpft sein. Ist ein bestimmtes Organ in Mitleidenschaft gezogen, kann sich eine ganze Reihe verschiedener Zeichen bemerkbar machen; z.B.: ist Blutmangel des Herzens mit Herzklopfen verbunden.
Gestautes Blut bedeutet eine Behinderung oder Blockade, die den sanften Blutfluss hemmt. Scharfe, stechende Schmerzen, oft in Begleitung von Tumoren, Zysten und geschwollenen Organen (meistens mit Leber) charakterisieren diesen Zustand.

Jing


Jing, am besten mit <Essenz> übersetzt, ist die Substanz, die allem organischen Leben zugrunde liegt. Es ist die Quelle organischer Veränderung. Generell stellt man es sich al eine flüssigkeitsähnliche Substanz vor; es hat eine unterstützende und nährende Funktion und bildet die Basis für Reproduktion und Entwicklung.
Ursprung des Jing Das Jing hat zwei Quellen, die zugleich als seine charakteristischen Aspekte aufzufassen sind. Das Vorgeburtliche Jing (xian-tian-zhi-jing), auch <angeborene Essenz> genannt, wird von den Eltern geerbt. Tatsächlich stellt die Verschmelzung des elterlichen Jing die Empfängnis dar. Das Vorgeburtliche Jing einer jeden Person ist einzigartig und bestimmt ihr spezielles Wachstumsmuster. Die Quantität und Qualität des Vorgeburtlichen Jing ist bei der Geburt festgelegt; es bestimmt - zusammen mit dem Ursprungs-(Vorgeburtlichen) Qi- den grundsätzlichen Aufbau und die Konstitution des Individuums. Das Nachgeburtliche Jing (hou-tian-zhi-jing) ist die zweite Quelle und der zweite Aspekt des Jing. Es wird aus den geläuterten Anteilen der aufgenommenen Nahrung gewonnen. Das Nachgeburtliche Jing fügt dem Vorgeburtlichen Jing ständig Lebenskraft hinzu.
Jing ist die Substanz, die einen Organismus mit der Möglichkeit der Entwicklung - von der Empfängnis bis zum Tode - erfüllt. Jing- Disharmonien können sich in unzureichender Reifung, sexueller Disfunktion, Fortpflanzungsfähigkeit und vorzeitigem Altern äußern. Was der Westen angeborene Defekte nennt, das legt die chinesische Medizin oft als Funktionsstörung Jing aus.
Qi ist die Energie, die mit Bewegung verbunden wird - mit jeglicher Bewegung: Man könnte auch sagen, dass eine Welle im Meer Qi besitzt, Jing ist die Substanz, die mit der langsamen Bewegung organischen Wandels zusammenhängt. Qi fließt mit den äußeren Aspekten die Bewegung. Jing - dunkel, ruhig, feucht und warm - stellt die innere Essenz von Wachstum und Verfall das. Qi und Jing eines Individuums hängen voneinander ab. Qi tritt aus dem Jing hervor, da das Vorgeburtliche Jing die Wurzeln des Lebens ist. Aber Qi hilft, Nahrung in Nachgeburtliches Jing umzuwandeln und dadurch dieses Leben zu erhalten und zu verlängern. In Relation zueinander ist Jing Yin und Qi Yang.

Shen


Der Begriff Shen - am besten mit Geist übersetzt - ist ein schwer zu fassendes Konzept, vielleicht weil Shen in der medizinischen Tradition die Substanz darstellt, die einzig und allein dem Menschen angehört. Stellt man sich Jing als die Quelle des Lebens vor und Qi als das Potential, zu aktivieren und zu bewegen, dann ist Shen die Vitalität im menschlichen Körper, die hinter Jing und Qi steht. Belebte wie unbelebte Bewegungen sind eine Manifestation von Qi, instinktive organische Prozesse reflektieren Jing, das menschliche Bewusstsein verweist auf die Gegenwart von Shen.
Shen ist mit der Kraft der menschlichen Persönlichkeit verbunden, mit der Fähigkeit zu denken, zu unterscheiden, eine Auswahl zu treffen, oder, wie üblicherweise gesagt wird, <Shen ist die Bewusstheit, die unseren Augen scheint, wenn wir wahrhaft wach sind>.

Säfte (jin-ye)


Säfte sind alle flüssigen Substanzen im Körper außer Blut - also zum Beispiel Schweiß, Speichel, Verdauungssäfte und Urin. Der Ausdruck jin bezieht sich auf leichte und klare Säfte, ye auf schwere und dickflüssige.
Die Funktion der Säfte besteht im Benetzen und zum Teil auch Nähren von Haut, Haaren, Schleimhäuten, Körperöffnungen, Fleisch, Muskeln, innere Organe, Gelenke, Knochen, Mark und Gehirn. Obwohl die Säfte zu den fundamentalen Substanzen im Körper zählen, werden sie als weniger edel, unwesentlicher oder weniger <tief> als Qi, Blut, Jing und Shen angesehen.
Die Säfte werden aus der aufgenommenen Nahrung gewonnen und vom Qi verschiedener Organe - vor allem der Niere - absorbiert und reguliert. Deshalb sind die Säfte auf das Qi angewiesen und das Qi, in gewissem Maße, auf die Säfte, weil diese ja die Organe, von denen das Qi reguliert wird, benetzen und nähren.
Blut und Säfte stellen ein Kontinuum dar; in ihrer grundsätzlichen Natur sind ähnlich, jedoch unterscheiden sie sich durch den Grad ihrer Nährfähigkeit. Das Blut ist kräftiger, <tiefer> und einflussreicher. Entsprechend der chinesischen Theorie verbinden sich nur die saubersten und klarsten Anteile der Säfte mit den geläuterten Anteilen der Nahrung im Blutbildungsprozess. Die Beziehung zwischen Säften und Blut ist dann klinisch bedeutsam, wenn aufgrund einer ernsthaften Blutung ein Säftemangel besteht oder wenn eine Beeinträchtigung der Säfte Blutmangel hervorruft.
Als Flüssigkeiten gehören Säfte zu den Yin- Substanzen. Eine Säftedisharmonie ist normalerweise von Trockenheit begleitet: Trockenheit der Lippen, Haut, Augen, und so weiter. Die meisten Säftedisharmonien fallen jedoch in die grundsätzliche Kategorie oder Yin- oder Wasserdisharmonien.

Die fünf besprochenen Grundsubstanzen des Körpers bilden die Grundlage der chinesischen Medizin. Jedoch ist der einzelne Aspekt des Chinesischen medizinischen Wissens nur im Zusammenhang mit den speziellen Zeichen, Symptomen und Mustern des Individuums von Bedeutung. Die konkrete Natur von Qi, Blut, Jing, Shen und Säften wird erst durch die Vielzahl ihrer Disharmoniemuster deutlich.

HEILIGE TRADITION UND MODERNE FORSCHUNG

Traditionelle Medizin mag als Kunst bezeichnet werden, und sie kann auch in Anspruch nehmen, Wissenschaft zu sein. Aber die wichtigste Frage bezüglich einer medizinischen Praxis ist: Funktioniert sie? Ist die chinesische Medizin eine interessante philosophische Rarität oder tatsächlich ein wertvolles Heilverfahren? Kann sie wirkliche Krankheiten heilen? Und kann die westliche Wissenschaft die Resultate messen und ihren Wert einschätzen?
Aufgrund der besonderen historischen Situation des modernen China wurde die traditionelle Medizin dort in den letzten 30 Jahren einer umfassenden Überprüfung unterzogen.
1949, nach dem Sieg der Chinesischen Revolution, beschlossen die Chinesen, sich ihr traditionelles medizinisches System genauer anzusehen. Viele der neuen Führer Chinas waren in Versuchung, das prä-wissenschaftliche, medizinische Erbe ihres Landes gemeinsam mit anderen altmodischen Gebräuchen aufzugeben. Sie wollten den entwickelten Ländern nacheifern - wollten industrialisierend, elektrifizieren, modernisieren. Eine andere Fraktion der Führungselite war jedoch der Meinung, dass China zwar die moderne Medizin akzeptieren müsse, sah aber auch praktischen und theoretischen Nutzen in der traditionellen Medizin. Die Frage war, ob sich letztere auch aus moderner Sicht als wirksam zeigte.
Um dies zu klären, führten die Chinesen in den fünfziger Jahren Tausende von Experimenten und klinischen Studien durch. 1955 entschied das Zentralkomitee der Partei schließlich, der traditionellen und der modernen Medizin gleiche Anerkennung und gleichen Rang zuzusprechen.
Die damals initiierten medizinischen Forschungen werden immer noch geführt und veröffentlicht - als Beispiel einige Titel:
Klinische Analyse von 290 Fällen chronischer Glomerulonephritis, behandelt mit traditionellen Kräutern.
Beobachtung über die Wirksamkeit subkutaner Akupunktur in der Behandlung von 121 Fällen von bronchialem Asthma.
Studie über die Behandlung von Zervix - Karzinomen im Frühstadium mit traditionellen chinesischen Kräutern: Analyse des Behandlungseffektes in 24 Fällen und vorläufiger Untersuchung des Behandlungsmechanismus.
Traditionelle chinesische Behandlung von Angina pectoris - Report von 112 Fällen.
Solche und ähnliche Studien füllen Bibliotheken, doch ist nicht ihre Zahl von Bedeutung, sondern die daraus gezogene Schlussfolgerung: Die traditionelle chinesische Medizin kann sich behaupten, sie ist klinisch wirksam. Manchmal kann sie Krankheiten behandeln, bei denen moderne Medizin nichts ausrichten kann; manchmal ist das Gegenteil der Fall - vor allem in jeden Situationen, die chirurgische Eingriffe oder hochtechnologische Geräte verlangen.
Die Wirksamkeit der traditionellen chinesischen Medizin kann am Beispiel der vorher erwähnten Studie der Magengeschwür-Patienten veranschaulicht werden. An dieser Studie nahmen tatsächlich 65 Patienten teil, die alle von im Westen ausgebildeten Ärzten beobachtet wurden. Jeder Patient unterzog sich einer kompletten westlich - medizinischen Untersuchung, und für alle wurde die Diagnose Magengeschwür erstellt. Die daraufhin folgende Untersuchung durch chinesische Ärzte ergab eine Streuung verschiedener Disharmoniemuster, die ungefähr den sechs oben genannten entsprachen.
Auf der Basis der jeweiligen Diagnose erhielt jeder Patient eine spezielle Kräuterbehandlung. Es wurden weder eine westliche Therapie vorgenommen noch irgendwelche Diätvorschriften gemacht. Die durchschnittliche Länge der Behandlung belief sich auf zwei Monate, und im Folgenden wurden moderne westliche Techniken angewandt, um den Nutzen der Behandlung einzuschätzen. Die Ergebnisse zeigten komplette Wiedergesundung bei 53 Patienten (81,5%), deutliche Verbesserung bei 7 Patienten (10,8%), wenig Verbesserung bei 2 Patienten (3,1%), keine Veränderung, die auf Komplikationen, welche nicht im Zusammenhang mit der Behandlung standen, zurückzuführen war.
Ein zweites Anliegen der wissenschaftlichen Forschung war die Isolation der wirksamen Komponenten chinesischer Heilmethoden. So wurden z.B. die aktiven Substanzen von Heilkräutern bestimmt und Analgesie durch Akupunktur angestrebt. In vielen Studien wurde der Versuch unternommen, aus der chinesischen Medizin neue Heilmethoden westlichen Stils für Malaria, Bluthochdruck, Virusinfektionen, Krebs und andere Krankheiten abzuleiten. Titel typischer Studien lauten: <Der Gebrauch des traditionellen Heilkrauts Desmodium Rumbrum (Lour) D.C. zur Behandlung von <Encephalitis epidemica>; oder <Bluthochdruckbehandlung mit dem traditionellen Heilkraut Siegesbeckia Orientalis>; oder <Die antibiotischen Eigenschaften von 14 Heilkräutern und ihre Wirkung auf Diphtheriebazillus und Diphtherietoxin>.
Solche Studien zielen auf die Isolation der wirksamen Komponenten chinesischer Heilmittel und deren Einbeziehung in die moderne westliche Medizin. In der Tat konnten viele wertvolle Erkenntnisse in die heutzutage in China praktizierte westliche Medizin eingebaut werden. Eines Tages mögen diese Komponenten sehr wohl auch in der westlichen Medizin des Abendlandes auftauchen. Aber auch wenn das Wissen - mit seinem Gebrauch traditioneller Heilkräuter und der Akupunktur - den äußeren Anstrich der chinesischen Medizin trägt, die tatsächliche Anwendung und Methode bleiben in ihrer Orientierung eindeutig westlich. Die Yin- Yang- Theorie sowie andere traditionelle Konzepte werden aufgegeben und mit der Abtrennung der Praxis von der Theorie die Notwendigkeit des theoretischen Rahmens in Frage gestellt. Allerdings demonstrieren die Ergebnisse der Studien, dass die chinesische Medizin am besten funktioniert, wenn sie im Kontext ihrer eigenen Logik angewendet wird.
Die westlichen Studien haben der chinesischen Medizin durch den Beweis ihres praktischen Wertes geholfen, die Schlacht ums Überleben im 20. Jahrhundert zu gewinnen, und versprechen ihr einen Platz in der medizinischen Zukunft.


Literaturnachweis: O.W. Barth, Östliche- und westliche Medizin

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